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Kind sammelt Blatt auf

Was Kinder wünschen…

Claudia Theobald

22.06.2020 | Fachkommentar Kommentare (1)

Prof. Dr. Malte Mienert hat mich ins Nachdenken gebracht. 

Obwohl er Professor für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie ist, hat er einen Satz gesagt, den jeder versteht. Auch wenn man keine pädagogische Ausbildung hat. In einem Interview bei der Online Community #Kitahelden sprach er über die Alltagsgestaltung in der KiTa und äußerte folgendes: „Wenn Sie im Zweifel sind, wie sie es im Alltag machen sollen? Die erste Quelle und die wichtigste Quelle ist immer: „Wie hätte ich es mir als Kind selbst gewünscht?“

Ich bin Erzieherin, pädagogisch aus- und immer wieder fortgebildet. Ich habe viel über Kinder gelernt, über Entwicklung, Bildung und Erziehung und über Methoden, wie man Inhalte vermittelt. Und nun dieser simple Satz des Herrn Professor Dr. Malte Mienert: „Wie hätte ich es mir als Kind selbst gewünscht?“

In meiner Kindheit war der Kindergarten nicht mehr als eine nette kleine Abwechslung zu meinem Familienalltag. Den größten Teil des Tages verbrachte ich in der Familie, aber auch auf der Straße und in der Nachbarschaft. Mein Kinderalltag ließ wenig zu wünschen übrig. Was mich oft wunschlos glücklich machte? Ich hatte Freiräume, es gab genügend Spielkameraden in der Nachbarschaft, verwilderte Obstwiesen hinter dem Haus, die Straße fast ohne Autos zum Radfahren, Rollschuhlaufen oder Seilspringen. Wenn ich Trost brauchte, war im Haus immer jemand für mich da, der Tränen trocknete und Pflaster aufklebte. Ich saß auch gern auf dem Schoß und hörte Geschichten oder erzählte am Esstisch von meinen Erlebnissen. Über Stunden spielten wir zu zweit oder dritt im Kinderzimmer, bis man mich zum Essen rief und die Spielkameraden heimgingen. Freiräume, um Neues zu erkunden und Nähe, um Gemeinschaft, Beziehung und Geborgenheit zu erfahren. Das war es wohl, was ich mir gewünscht und auch meistens bekommen habe. 

Freiraum und Nähe, das wünschen sich Kinder auch heute. Wieviel davon bietet der KiTa Alltag unter den aktuellen Rahmenbedingungen? In Rheinland-Pfalz haben die meisten Gruppen 25 Plätze für Kinder von zwei bis sechs Jahren. Im Gruppenraum stehen jedem Kind durchschnittlich 2qm zur Verfügung, da ist der Platz für die Möbel allerdings nicht abgerechnet. Wenig Platz für Freiraum, aber unsere Kinder dürfen auch Flur, Turnraum und Nebenräume zum Spielen nutzen. Diese zusätzlichen Freiräume teilen sich allerdings bis zu 125 Kinder. Sie sind heiß begehrt und zeitlich limitiert. Man muss abwechseln, damit auch mal andere Kinder drankommen. Und manchmal geht man auch leer aus. In der KiTa verbringen einfach zu viele Kinder auf zu wenigen Quadratmetern ihren Alltag, der nicht selten länger als der Arbeitstag eines Erwachsenen ist. Freiraum in der KiTa ist manchmal möglich, aber oft hart umkämpft. Das gilt auch für das Außengelände. Es gab mal die Vorschrift, dass mindestens 15 Quadratmeter pro Kind zur Verfügung stehen müssen. Als die Grundstückspreise stiegen, hat man diese Vorschrift gestrichen, obwohl bis heute die Quote der ganztags betreuten Kinder kontinuierlich steigt. In vielen Einrichtungen stehen einem Kind draußen gerade mal 5 -6 Quadratmeter zur Verfügung. Immer mehr KiTas versuchen ihr Außengelände trotz aller DIN, TÜV und sonstigen Sicherheitsvorkehrungen, naturnah zu gestalten. Wieviel Freiraum und Naturerfahrung können 5-6 Quadratmeter einem Kind bieten, auch wenn Sie pädagogisch durchdacht und naturnah gestaltet sind? Wie hätte ich es mir als Kind selbst gewünscht?

Und wie sieht es mit dem Wunsch nach Nähe aus? Für über 20 Kinder ab zwei Jahren sind wir mit voller Besetzung drei Stunden am Tag zu dritt und können auch mal Kleingruppen bilden, um auf die Fragen, Wünsche und Ideen der Kinder einzugehen, neue Erfahrungen zu ermöglichen und altersdifferenziert zu arbeiten. Sobald eine Kollegin krank, in Urlaub oder auf Fortbildung ist, sind wir nur zu zweit mit über 20 Kindern. Dann geht nur noch Alltag. Für individuelle Zuwendung oder das Eingehen auf Bedürfnisse und Interessen bleibt meist keine Zeit mehr. Und der Wunsch jeden Kindes, als individuelle Persönlichkeit wahrgenommen und ernstgenommen zu werden, bleibt auf der Strecke.

Wieviel Freiraum und Nähe lässt sich im KiTa Alltag also verwirklichen?

Das kommt auf uns Erwachsene an! Sind wir bereit, den KiTa Alltag mit Malte Mienerts Satz im Hinterkopf anzuschauen, danach zu handeln und schlechte Rahmenbedingungen zu verbessern? 

Wie hätte ich es mir als Kind selbst gewünscht?  Das frage ich mich als Erzieherin und das frage ich meine KollegInnen. Auch Eltern, Großeltern, Trägern, Fachberatungen, sowie Lehrenden an Fachschulen und Unis stelle ich diese Frage.

Sie gilt auch jedem politisch Verantwortlichen.  Allen, die sich in irgendeiner Weise für den Alltag und die Zukunft unserer Kinder verantwortlich fühlen, rufe ich Herrn Mienerts Satz zu:

„Wie hätten Sie es sich denn als Kind selbst gewünscht?“

 

Autorinneninformationen

Die Autorin Claudia Theobald arbeitet als Erzieherin in einer Rheinland-Pfälzischen KiTa. Als KiTa Aktivistin engagiert sie sich für die Verbesserung der Rahmenbedingungen in unseren KiTas. Informationen über ihre Aktivitäten finden Sie auf der Facebookseite Glücks-Kita in RLP.

Ihre Meinung ist gefragt!

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Kommentare (1)

Erika Butzmann 22 Juli 2020, 21:15

Alle Kinder würden mit dem, was die Autorin als Kind erlebt hat, überglücklich sein. Doch die Welt der Erwachsenen lässt das nicht mehr zu. Was würde passieren, wenn wirklich alle Kinder bis zum Ende der Grundschule Mutter oder Vater am Nachmittag für all dies Wünschenswerte hätten? Sie würden sich viel besser entwickeln als derzeit, die Eltern hätten weniger Stress, das Wirtschaftswachstum würde vielleicht ein wenig gebremst und die Eltern müssten mit etwas weniger Einkommen klarkommen. Das haben viele jetzt in der Coronazeit erlebt. War das so schlimm? Oder ging es nicht den meisten damit besser? Zumindest vielen der Kinder, besonders der Krippenkinder, ging es besser.

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